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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,1

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Allgemeines Treffen (magnum conventum: Transl. s. Habundii) und Synode, auf der über Reformmaßnahmen in Kirche und Reich beraten wird. (I) Eine unter Vorsitz des Erzbischofs Angilbert (II.) von Mailand, des Patriarchen Theodemar von Aquileia und des Bischofs Josef (von Ivrea), archicapellanus 〈totius ecclesiae〉, tagende Synode teilt Ludwig die Beschlüsse in Form eines Synodalbriefs in 24 Kapiteln mit. - a. inc. 850, a. Lo. 30, a. Lu. 1, Ind. 14. - "Decrevit sancta". (II) Ludwig legt den versammelten Grafen ein Memorandum vor, in denen sie um Stellungnahme zu einer Reihe von Mißständen aufgefordert werden (comitum nostrorum consilium quaerimus). Cap. 1: Straßenraub an Rompilgern, Marktbesuchern und Reisenden. Capp. 2 u. 3: Bedrückung der pauperes durch die potentes u. a. unter dem Vorwand der Gastnahme (in exposcendis hospitiis pauperes adgravant). Cap. 4: Verbreiteter Diebstahl überall in Italien (longe lateque per Italiam). Cap. 5: Wiederherstellung der Brücke über den Ticino und Restaurierung aller übrigen Brücken. Cap. 6: Wiederaufnahme des Wachdienstes an der Küste durch die dafür vorgesehenen Schiffe. Cap. 7: Wiederherstellung der verfallenen Königspfalzen (palatia nostra). Cap. 8: Pflege und Restaurierung der den Grafen anvertrauten Gebäude (domus). Cap. 9: Unterbringung und Unterstützung der Königsboten, auch der päpstlichen Gesandten, nach altem Herkommen. Cap. 10: Schutz von Witwen, Waisen und pauperes im Grafengericht. - Ohne Datierung. - "Ut aperte". (III) Ludwig promulgiert mit Zustimmung Kaiser Lothars (I.) ein Kapitular, in dem (im Sinne des Memorandums) folgende Maßnahmen beschlossen werden: Cap. 1: Strikte Verfolgung der Straßenräuber durch die Grafen, Schultheißen und bischöflichen Vasallen. Cap. 2: Gleiche Maßnahmen gegen sonstige Räuberbanden. Cap. 3: Gerichtsverfahren gegen die Hehler dieser Banden, gegebenenfalls vor dem Königsgericht. Cap. 4: Weisung an die Getreuen, bei ihren Reisen an den Hof für alle Leistungen zu bezahlen. Cap. 5: Gleiche Weisung an die potentes und honorati viri zugunsten der pauperes. Cap. 6: Wiederherstellung der verfallenen Pfalzen. Cap. 7: Restaurierung der öffentlichen Gebäude in den Städten für die Belange des Hofes und die Unterbringung fremder Gesandtschaften. Cap. 8: Frist für die Restaurierung der Brücke über den Ticino bis zum 1. März; Restaurierung der übrigen Brücken. Cap. 9: Verbot der Aneignung der für die Königsboten bestimmten Abgaben und Leistungen. Cap. 10: Strikte Durchführung aller Maßnahmen bei Androhung der üblichen Kirchenstrafen für Kleriker und des Huldentzugs für Laien. - Ohne Datierung. - "Perventum est".

Überlieferung/Literatur

(I) Synodalbrief von 850, Conc. III, Nr. 23 S. 217-229 (auch Capit. II, Nr. 228 S. 116-122). - Regg.: Werminghoff, Verzeichnis, S. 617; De Clercq II, S. 132-135; M2 1179b. - Vgl. die wahrscheinlich auf diese Synode zu beziehende Nachricht der Transl. s. Habundii, Conc. III, S. 217f. (aus Mabillon, Acta Sanctorum2 3, S. 487f.). (II-III) Undatiertes Memorandum und Kapitular Ludwigs: Gotha, Forschungsbibliothek, Cod. I.84, Kopie Ende 10./Anf. 11. Jh., fol. 413r. - Maßgeblicher Druck: Capit. II, Nr. 212-213 S. 84-88. - Reg.: M2 1180.

Kommentar

Da die Indiktion in der Datierung des Synodalprotokolls bereits umgesetzt ist, muß die Synode gegen Ende des Jahres 850 zusammengetreten sein. Nach der Transl. s. Habundii wäre sie noch von Kaiser Lothar angeordnet worden. Auch in der Rubrik des Kapitulars wird die Billigung der Beschlüsse durch Kaiser Lothar hervorgehoben: gloriosi quoque genitoris eius Hlotharii serenissimi augusti auctoritate firmata sunt. - Die Synodalarbeit steht in Zusammenhang mit der etwa zu Beginn des Jahres gleichfalls in Pavia abgehaltenen Synode, die von Angilbert II. von Mailand, Andreas von Aquileia und Josef von Ivrea geleitet wurde; in der Zwischenzeit muß also ein Wechsel auf dem Patriarchenstuhl von Aquileia stattgefunden haben; vgl. Hartmann, a.a.O., S. 217; s. auch noch Reg. 143. Die Überlieferung des Memorandums und des darauf rekurrierenden Kapitulars sowie der inhaltliche Zusammenhang mit dem Synodalprotokoll machen es wahrscheinlich, daß beide Dokumente der Synode vorlagen bzw. noch während des Treffens im Herbst 850 in Pavia publiziert worden sind. Hierzu paßt auch die Frist für die Restaurierung der Brücke über den Ticino, der 1. März (851); zur Sache vgl. auch Szabo, Verkehrspolitik, S. 128, 130 (s. schon Reg. 72, c. 3); Hartmann, D vescovo come giudice, S. 335f. Anm. 47. Vgl. noch Boretius, Capitularien, S. 163; Hartmann, Synoden, S. 242-244. - Der nur im Druck des Canisius überlieferte singuläre Titel des Erzkapellans Josef: archicapellanus totius ecclesiae, ist sicherlich verderbt, worauf schon De Clercq II, S. 132, hingewiesen hat. Josef unterzeichnet in Reg. † 68 mit archicapellanus domni imperatoris. Gewöhnlich führen die Erzkapelläne den Titel eines sacri palatii archicapellanus.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,1 n. 73, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0850-09-01_1_0_1_3_1_4284_73
(Abgerufen am 26.07.2017).