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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,1

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Auf einer Zusammenkunft zwischen Ludwig und Kaiser Lothar (I.) im Rahmen eines mit der Abhaltung einer Synode (Incipit synodus habita Francia) verbundenen allgemeinen Treffens (divina pietas nos et karissimum filium nostrum ad commune colloquium pervenire concessit, c. 1) werden eine Reihe von Maßnahmen zum Schutz der Römischen Kirche, zum Bau des neuen Roms (pro edificatione nove Rome = Leostadt) und zur Vertreibung der Sarazenen vom süditalienischen Festland beschlossen, die von Lothar (I.) in Form eines Kapitulars veröffentlicht werden. - Cap. 1: Promulgation (prudentie devotionique vestre ... intimavimus). Cap. 2: Allgemeines Schuldbekenntnis angesichts der Plünderung Roms und des Vordringens der Ungläubigen überall im Frankenreich (maxime Deum a nobis offensum esse cognoscimus). Cap. 3: Beseitigung der verbreiteten kirchlichen Mißstände. Cap. 4: Maßnahmen gegen entlaufene Mönche, Nonnen und Kanoniker, gegebenenfalls auch gegen säumige kirchliche Vorsteher. Cap. 5: Restitution entfremdeten Kirchenbesitzes. Cap. 6: Mahnung an die Bischöfe, gegen Sünder jedweder Art, gegen Verbrecher und entlaufene Kleriker nötigenfalls mit harten Kirchenstrafen vorzugehen. Cap. 7: Wiederherstellung der Peterskirche. Aufforderung an den Papst durch Briefe und Boten, St. Peter mit einer starken Mauer zu umgeben. Kollekte (collationem peccunie fieri volumus) für den Bau der Mauer im ganzen Reich. Cap. 8: Ermahnung an alle Bischöfe im Reich des Kaisers (per omne regnum domni imperatoris), nicht nur Lehnsinhaber, sondern auch Besitzer von Allod und Geldvermögen zur Kollekte anzuhalten. Cap. 9: Heereszug Ludwigs mit der ganzen Streitmacht Italiens und Kontingenten aus der Francia, der Burgundia und der Provincia nach Benevent, dessen populus um Hilfe nachgesucht hat, um von dort die Sarazenen und Mauren zu vertreiben, da zu befürchten ist, daß die Ungläubigen von dort aus die Romania (das Gebiet um Rom) und den größten Teil Italiens besetzen werden. Ludwig soll mit dem Heer am 25. Januar (Pauli Bekehrung) nach Pavia kommen (ita ire debebit, ut VIII. Kal. Febr. ad Papiam cum exercitu veniat) und Mitte März nach Alarinum (Larino, Prov. Campobasso) gelangen. Cap. 10: Strenges Plünderungsverbot während der Heerfahrt. Cap. 11: Bestellung von Königsboten, nämlich des Bischofs Petrus (v. Arezzo oder v. Spoleto), des Elekten Anselm und des Grafen Wido (I. v. Spoleto), die den Auftrag erhalten, in Benevent (regnum Beneventanum) einen Friedensvertrag zwischen Siginolf und Radelchis auf der Grundlage einer gerechten Teilung zu vermitteln und ihnen im Gegenzug für die Unterstützung seines Sohnes (Ludwig) bei der Vertreibung der Sarazenen die kaiserliche Anerkennung zuzusichern (ex nostra parte eis securitatem et consensum honoris sacramento confirment). Cap. 12: Befehl (mandamus) an den Magister militum Sergius (von Neapel), den Friedensschluß zu fördern und seinem Sohn (Ludwig) zu helfen. Der Papst und der Doge Petrus von Venedig sollen zur Unterstützung des Kampfes gegen die Sarazenen im Beneventanischen eine Kriegsflotte aus der Pentapolis und Venedig auslaufen lassen. Cap. 13: Dreitägiges Fasten im gesamten Reich für den glücklichen Ausgang des Unternehmens. - Es folgt eine Liste der (aufgebotenen) Vasallen, getrennt nach solchen, die in Italien Lehen haben, und solchen, die dort keine haben, sowie der missi und Fahnenträger (signiferi) in der ersten und zweiten scara sowie in der scara Francisca (vgl. den Kommentar).

Überlieferung/Literatur

Kapitular Lothars I. ("Hlotharii Capitulare de expeditione contra Sarracenos facienda"), Conc. III, S. 133-139 Nr. 12 (zu Oktober 846). - Regg.: Werminghoff, Verzeichnis, S. 613f.; M2 1128 (vgl. 1127a).

Kommentar

Ort und genauer Zeitpunkt des Treffens und der Synode stehen nicht fest. Die in der Überschrift, die wohl kaum zum ursprünglichen Text des Synodalprotokolls gehört haben wird, überlieferte Angabe: in Francia, legt es nahe, daß Ludwig über die Alpen in das Reich Kaiser Lothars gezogen ist, ob allerdings in das Kerngebiet Lotharingiens zwischen Metz und Aachen, läßt sich letztlich nicht klären. Dupraz, Capitulaire, S. 245, macht darauf aufmerksam, daß die Ann. Laus., ed. Waitz, SS XXIV, S. 779, Ludwig a. 845 (wohl verderbt für 847) gegen die Sarazenen ziehen lassen (contra Saracenos perrexit), woraus zu folgern sei, daß Ludwig auf seinem Rückweg vom Treffen den Genfer See passiert haben wird. Vgl. auch Boschen, Annales Prumienses, S. 165-173, bes. S. 170 Anm. 397; Hlawitschka, Ottoneneinträge, bes. S. 126f. - Das lückenhafte Itinerar Lothars in den Jahren 846/47 läßt keine nähere Einordnung des Treffens zu. Den im Kapitular in Aussicht genommenen Januartermin, wohl kaum zufällig Pauli Bekehrung, an dem Ludwig mit dem Heer nach Pavia kommen sollte, hat die ältere Forschung zumeist auf den Januar 847 bezogen, das Treffen folglich in den Herbst 846 datiert. Dagegen sind Poupardin, Date, S. 22-25, und vor allem Dupraz, a.a.O., S. 244-250, mit gewichtigen Gründen für einen Termin erst etwa Mitte 847 eingetreten. Dupraz macht vor allem geltend, daß die Zeitspanne zwischen der Plünderung Roms und der Sammlung des Heeres im Januar 847 in Pavia zu knapp bemessen ist. Insbesondere die fränkischen und burgundischen Hilfstruppen würden kaum in den Wintermonaten die Alpen überquert haben können (doch ist gerade dies in Analogie zu anderen Zügen zu bezweifeln; vgl. etwa den Zug Arnulfs im Januar 894: M2 1892d). Auch gelingt es Dupraz, fast alle Namen der nicht-italischen Großen, die Ludwig begleiten sollen, zu identifizieren, darunter Erzbischof Theutgaud von Trier (in der Liste Teotgaudus). Da dessen Vorgänger Hetti aber erst am 27. Mai 847 starb, ergäbe sich ein klarer Terminus post für das Treffen. Andererseits gibt Hartmann, a.a.O., S. 133, zu bedenken, daß der ungünstige Januartermin gerade darauf schließen lasse, daß man möglichst schnell handeln wollte; Erzbischof Theutgaud könne in der Liste nachgetragen worden sein. Auch ist es fraglich, ob die Anspielung auf die Plünderung der Peterskirche in c. 7, die hoc anno erfolgt sei, eine Datierung des Treffens erst im Sommer 847 zuläßt, wie dies Dupraz annimmt. Eine Datierung des Treffens noch in den Herbst 846 scheitert letztendlich aber aus chronologischen Gründen; vgl. ausführlich Zielinski, Reisegeschwindigkeit. Wenn man berücksichtigt, daß Lothar I. vor Mai 847 (wahrscheinlich im April) in Pavia am Hof Ludwigs bezeugt ist, was sicherlich im Zusammenhang mit dem Treffen und dem geplanten Sarazenenzug gesehen werden muß (vgl. Regg. 44-45), so sind zwei Hypothesen denkbar. Nach der einen könnte Lothar im Frühjahr 847 (nach dem Meerssener Treffen) nach Pavia gezogen sein und bei dieser Gelegenheit ein Treffen mit Ludwig II. in der Francia vereinbart haben, das etwa Mitte des Jahres stattfand. Denkbar ist zweitens aber auch, daß Ludwig bereits im Frühjahr 847 nach dem Meerssener Treffen mit Lothar in der Francia zusammengetroffen ist. In diesem Fall scheint Lothar direkt anschließend seinerseits ebenfalls nach Italien gezogen zu sein. Vgl. Zielinski, Lothar I. - Zum Inhalt des Kapitulars vgl. neben Hartmann noch Bluhme, Erlaß; Lippert, Capitulare; Lentz, Übergang, S. 86; Lauer Lauer, Destruction de Rome, S. 320ff.; Biehl, Gebet, S. 133; De Clercq II, S. 123f.; Mc Cormick, Liturgy of War, S. 12f. (zu c. 13); Müller, Lyon, S. 248f. Die Bezeichnung des Fürstentums Benevent als regnum (c. 11) ist auch sonst bezeugt; vgl. Reg. 296; Garms-Cornides, Fürstentitel, S. 389, 399. Zu der von Leo IV. erbauten sog. Leoninischen Mauer vgl. Reg. 89. - Allgemein vgl. noch Dümmler I2, S. 305f.; Hartmann III/1, S. 216-218; Gay, L'Italie méridionale, S. 61f.; Lokys, S. 56; Eiten, S. 150; Brezzi, Roma e l'Impero medioevale, S. 54; Ohnsorge, Abendland und Byzanz, S. 217f.; Musca, Bari2, S. 28f; Delogu, Strutture, S. 142; Hlawitschka, Franken, S. 60; Hlawitschka, Widonen, S. 39; Enzensberger, Unteritalien, S. 791. Italische Lehnsträger (Haec sunt nomina eorum, qui in Italia beneficia habent): Rataldus, Reinboldus, Eberhardus (Graf Eberhard von Friaul; vgl. Reg. 143), Beringarius, Liutfridus (der Schwager Lothars I.; vgl. Reg. 31), Humfridus (vgl. Hlawitschka, Franken, S. 207), Hrotfridus, Teotboldus, Fulcradus, Cunibertus (vgl. Hlawitschka, Franken, S. 165f.), Bodradus (vielleicht der spätere Pfalzgraf Boderad; vgl. Reg. 246), Hilpericus, Bebo, Grozmannus, Meinardus. - Lehnsträger, die kein Lehen in Italien haben (Isti nihil habent in Italia): Harduicus (Erzbischof Hartwig von Besançon), Amolo (Erzbischof Amulo von Lyon), Agilmarus (Erzbischof Agilmar von Vienne), Audax (Erzbischof Audax von Tarentaise), Heiminus (Bischof Heimmus von Sitten, Abt von St-Maurice), Boso (Bischof Boso von Genf), Wilelmus, Ioseph (Bischof Joseph von Maurienne), Erlardus (Bischof Erlardus von Valence), David (Bischof David von Lausanne), Ebo (Bischof Ebo von Grenoble), Hartbertus (wohl Erzbischof Arbert von Embrun), Riconsindus (vielleicht Bischof Riguinus von Belley), Remigius (Bischof Remigius von Die), Teotgaudus (Erzbischof Theutgaud von Trier, Eicardus (vielleicht Bischof Wichardus von Basel). Aquinus, Sigericus, Heribertus, Heimericus, Milo, Hucboldus. Grafen (De comitibus): Gerardus (Gerhard, Graf von Lyon und von Vienne), Aldricus (Aldrich, Graf von Orange), Fulcradus (wohl Fulkrad, Graf von Arles), Ottramnus, Ermenoldus, Albericus filius Richardi, Beieri, Arnulfus, Odolricus, Engilramnus. Die Anführer der ersten Scara (In prima scara sunt missi): Ebrardus (der oben genannte Eberhard von Friaul), Wito (der gleichnamige Sohn Widos I. von Spoleto, der als Anführer der zweiten Scara genannt wird), Liutfridus (der oben genannte Schwager Kaiser Lothars), Adalgisus (Graf Adalgisus I. von Parma; vgl. Reg. 4). Fahnenträger (signiferi): Bernardus (Graf Bernard von Verona; vgl. Regg. 26 u. 129), Albericus (Graf Alberich von Mailand; s. Reg. 219), Bebbo. Die Anführer der zweiten Scara (In secunda scara sunt missi): Wito (Markgraf Wido I. von Spoleto; vgl. Reg. 28) et Adalbertus (Herzog Adalbert I. von Tuszien; vgl. Reg. 47). Fahnenträger: Wicfredus (Wifrid I., Graf von Piacenza; vgl. Reg. 126) et Autramnus comites (Graf Autramnus von Modena; vgl. Hlawitschka, Franken, S. 144f.), Heribrandus, Farulfus, Hilpericus et Tresegisus. Die Anführer der scara Francisca: Gerardus (der oben genannte Graf Gerhard von Lyon und von Vienne), Fulcradus (der oben genannte Graf Fulkrad von Arles) et Ermenoldus. Fahnenträger: Beieri, Arnulfus, Hucboldus, Aquinus et Sigiricus (alle schon oben genannt, aber nicht oder nicht sicher zu identifizieren).

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,1 n. 46, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0847-00-00_1_0_1_3_1_4256_46
(Abgerufen am 24.01.2017).