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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,2,1

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Ermentarius, Mönch des Klosters Saint-Philbert-de-Grand-Lieu in Déas, übersendet Abt Hilduin als dem in jeder Hinsicht mächtigsten Mann nach dem König (secundum quippe post regem locum in omnibus tenetis) die Vita des hl. Philibertus sowie den Bericht über die Translatio und die Wunder des Heiligen mit der Bitte, König Karl aufzufordern, den Mönchen einen Ort der Zuflucht vor den Überfällen der Normannen zuzuweisen (quo nobis tandem det miserendo locum), und er erklärt die Tatsache, daß Karl (nomen ... Karoli gloriosissimi regis nostri) in den Werken nicht genannt wird, damit, daß sie zu einer Zeit verfaßt wurden, als dieser noch Kind gewesen sei (in aula regia puer nutriebatur, erudiebatur, instruebatur).

Überlieferung/Literatur

Ermentarius, Praefatio, ed. Poupardin, S. 1f.

Kommentar

Terminus post quem von Ermentarius' Schreiben an Hilduin ist die förmliche Übertragung Aquitaniens an Karl in Worms (Reg. 82), Terminus ante quem der Tod Ludwigs d. Fr., der in den übersandten Werken (insbesondere Ermentarius, Miracula I, ed. Poupardin, S. 24) noch nicht als verstorben gekennzeichnet wird; vgl. zur Datierung Poupardin, Introduction, S. XXXIIf. Ermentarius hatte wenigstens das 1. Buch der Mirakel nach dem 20. August 837 (Jahrestag der Translatio des hl. Philibertus nach Déas) und vermutlich vor dem Juni 838, also dem Erreichen der Volljährigkeit durch Karl (siehe Regg. 69, 72), sicher aber vor dessen Einsetzung in Aquitanien verfaßt; Ermentarius begründet die fehlende Erwähnung Karls in den Werken entschuldigend mit dessen Minderjährigkeit; vgl. dazu Poupardin, ebd. -- Zum Adressaten des Schreibens Hilduin, Abt von Saint-Denis und anderer Klöster, siehe Reg. 62; er hatte bei oder nach der Aachener Reichsversammlung zum Winteranfang 837 Karl den Treueid geleistet (Reg. 62), sollte jedoch nach dem Tode Ludwigs d. Fr. zur Partei Lothars I. wechseln (Reg. 122); bemerkenswert ist, daß Ermentarius ihn hier als in jeder Hinsicht zweitmächtigsten Mann nach dem König bezeichnet. -- Die Mönche des Klosters des hl. Philibertus hatten 836 wegen wiederholter Überfälle der Normannen die Reliquien ihres Heiligen von ihrem ursprünglichen Standort auf der Her oder Herio genannten Insel Noirmoutier südlich der Loiremündung an ihren rund 30 km landeinwärts gelegenen bisherigen Sommersitz und Zufluchtsort Déas transferiert und Noirmoutier aufgegeben. Die an Karl gerichtete Bitte um einen neuen Ort deutet auf eine Gefährdung durch die Normannen auch am neuen Standort hin; vgl. Poupardin, ebd., S. XXXIIIf. Eine Reaktion Karls ist nicht überliefert; vielleicht besteht aber ein Zusammenhang mit der Urkunde Ludwigs d. Fr. von 839 November 27, ausgestellt in Poitiers (BM2 1000), in der dieser dem Kloster die Villa Scobrit im Gau von Poitiers in vicaria Racinse mit einer Kirche sancti Vitalis schenkte. Das Schreiben des Ermentarius wird daher hier eingereiht.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,2,1 n. 92, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0839-06-03_2_0_1_2_1_92_92
(Abgerufen am 10.12.2016).