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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I

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Kirchenbusse Ludwigs in der kirche des klosters St. Médard: Ludwig wirft sich in beisein der geistlichkeit, Lothars und der grossen, während das volk in dicht gedrängter masse die kirche füllt, vor dem altar auf ein bussgewand nieder, bekennt öffentlich (bis terque quaterque clara voce cum habundanti effusione lacrimarum; Agobardi Cartula) ministerium sibi commissum satis indigne tractasse et in eo multis modis deum offendisse et ecclesiam Christi scandalizasse populumque per suam negligentiam multifarie in perturbationem iuduxisse, und erbittet zur sühne dieser schuld die öffentliche kirchenbusse. Auf die mahnung der bischöfe, dass nur aufrichtige busse, nicht eine scheinbusse wie iene in Compiègne (no 874b), vergebung der schuld gewähre, erklärt er se in omnibus iis praecipue deliquisse, unde a memoratis sacerdotibus fuerat familiariter, sive verbis sive scriptis (vgl. Agobardi Cartula: Et libellus editus est a viris diligentioribus et ei oblatus de manifestatione criminum suorum, in quo velut in speculo perspicue conspiceret feditatem actuum suorum) admonitus et digna increpatione correptus; sie übergeben ihm ein verzeichnis, welches seine vergehungen aufzählt: 1. die schuld des sacrilegs und mordes, weil er das seinem vater gegebene versprechen (vgl. no 479b) nicht erfüllt, seinen brüdern und verwandten gewalt angetan (no 661a, 758a) und seinen neffen (Bernhard, no 515o), obwol er ihn retten konnte, morden liess; 2. weil er die im interesse des friedens und der reichseinheit mit zustimmung aller getreuen bestimmte und beschworne erbfolgeordnung (no 649a 650) eigenmächtig geändert, für diese änderung, das gegenteil der früheren vereinbarung (no 868a, 882, 906b), eide gefordert und so des meineids sich schuldig gemacht habe (vgl. Agobard Lib. pro filiis I, 3, Flebilis ep. c. 7, V. Walae H, 10 M. G. SS. 2,556); 3. weil er ohne notwendigkeit für die fastenzeit eine allgemeine heerfahrt (830 nach der Bretagne, no 872g) anbefohlen und einen heertag auf den gründonnerstag an der äussersten reichsgrenze angekündigt habe; 4. weil er einige seiner getreuen, die aus treue zu ihm und seinen söhnen (no 874a) ihn vor den nachstellungen seiner feinde gerettet, gewalt angetan, sie, und darunter priester und mönche, gegen göttliches und menschliches recht ihres eigentums beraubt habe, sie in die verbannung stossen und, die richter zu falschem urteil verführend, abwesende zum tod verurteilen liess (no 881a, 876c); 5. weil er einander widersprechende und verderbliche eide von den söhnen und dem volk gefordert und bei der entlastung der welber (Judiths, no 881a) ungerechtes urteil, falsche zeugnisse und meineide zugelassen habe; 6. weil er willkürlich zwecklose heerfahrten mit ihrem gefolge von unglück und verbrechen gegen christen angeordnet habe; 7. weil er willkürliche und dem reich verderbliche reichsteilungen vorgenommen und das volk gegen seine söhne wie gegen feinde beeidigt habe (no 925b), obwol ein friedlicher ausgleich noch möglich war; 8. weil er, abgesehen von den durch seine nachlässigkeit und unfähigkeit verschuldeten unzähligen übeln und verbrechen, welche das reich in gefahr, das königtum in verachtung gebracht, auch neuestens das ihm ergebene volk an den abgrund des verderbens geführt habe (no 925b). Der kaiser erklärt nun ein würdiges beispiel der busse geben zu wollen und überreicht das verzeichnis seiner vergehungen den priestern, welche es auf den altar niederlegen; er legt seinen schwertgurt (cingulum militiae, in Agobardi Cartula: arma) ab und diesen auf den altar und empfängt unter händeauflegung der bischöfe das gewand des büssers, ut post tantam talemque poenitentiam nemo ultra ad militiam saecularem redeat. Es wird beschlossen, dass ieder der anwesenden bischöfe über diesen vorgang eine urkunde ausstelle, unterfertige (erhalten nur die Cartula Agobardi) und Lothar übergebe und die bischöfe in ihrer gesammtheit ein protokoll (die Exauctoratio Hlud.) ausstellen und unterzeichnen. Exauct. Hlud. vgl. Agobardi Cartula l. c. Dürftig dagegen die berichte der geschichtschreiber, so Ann. Bert.: tamdiu illum vexaverunt, quousque arma deponere habitumque mutare cogentes liminibus ecclesiae pepulerunt (vgl. V. Hlud. c. 51: ecclesiae eliminatus communione), ita ut nullus loqui cum eo auderet, nisi illi, qui ad hoc fuerant deputati. Ann. Fuld. 834: Iudicio episcoporum arma deposuit. Thegan c. 44 (= Flodoard H. Rem. II, 19): Abstulerunt ei gladium a femore suo iudicio servorum induentes eum cilicio. Den sachverhalt geradezu entstellend V. Hlud. c. 49: Adiudicatum ergo eum absentem et inauditum, nec confitentem neque convictum ante corpus s. Medardi et s. Sebastiani arma deponere et ante altare ponunt, ebenso Ep. Caroli C. ad Nicolaum Bouquet 7,557 (vgl. Ep. conc. Tricass. ib. 590, Mansi 15,792, und das schreiben der bischöfe bei Flodoard H. Rem. II, 20 M. G. SS, 13, 472): nec confessum nec convictum; Adonis Chr. M. G. SS. 2,321: Indecenter includitur ac arma ei auferuntur. Nach der Narratio cler. Rem. Bouquet 7,277 (auch Migne 116,17) war es Ebbo von Reims, allerdings, wie hier beschönigend gesagt wird: hortantibus et iubentibus ceteris episcopis seu primoribus regni coactus, quia in dioecesi eius erat, der dem kaiser die öffentliche busse auferlegte vgl. Ep. Caroli C. ad Nicolaum l. c. Anderweitig in keiner weise verbürgt ist die nachricht der 890/1 verfassten Querimonia Egilmari, Erhard Reg. Westf. C. d. 36, Philippi Osnabrücker UB. 1,54, dass bischof Goswin von Osnabrück ihm das schwert von der seite gerissen habe vgl. Simson Ludwig d. Fr. 2,73. Durch die kirchenbusse sollte dem kaiser die möglichkeit genommen werden, die waffen ie wieder zu tragen (Benedicti Capit. II, 338 M. G. LL. 2b,89: Quod ad militiam seculorum post poenitentiam redire nemo audeat) und nochmal auf den tron zu gelangen. Nach der kirchenbusse in strenger haft sub tectum quoddam gehalten, V. Hlud. c. 49 vgl. Ann. Fuld. 834: ad agendam poenitentiam inclusus est.

 

Verbesserungen und Zusätze:

bischof Goswin heißt bei Philippi UB. 1, 11: Gebwin, in n° 1389 Gefwin.

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Empfohlene Zitierweise

RI I n. 926b, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0833-10-00_1_0_1_1_0_1993_926b
(Abgerufen am 29.09.2016).